Automobilindustrie in China: Wey und Geely statt Audi und VW

Die erste Offensive der chinesischen Autohersteller vor rund einem Jahrzehnt ist noch gescheitert. Klappt der zweite Anlauf? Ein Überblick über die Erfolgsaussichten

Die Japaner brauchten zwanzig Jahre, bis sie konkurrenzfähige Autos bauten.
Die Koreaner zehn. Und die Chinesen nur noch fünf? Dieser in der
Autobranche aktuell populäre Dreisatz ist so verlockend simpel, dass er
kaum stimmen kann. Oder doch?

Vielleicht kommt es nur darauf an, ab wann
man anfängt zu zählen. Startet man im Jahr 2017, hätten wohl fünf chinesische Marken das Potential, sich auf dem europäischen Automarkt zu etablieren. Auch, weil alle jetzt schon eine Verbindung zu
Europa haben. Ein Überblick.

Am augenfälligsten ist der Europabezug bei Borgward. Mit der
alten Bremer Marke haben die zwei SUV-Modelle BX7 und BX5 bis auf das revitalisierte Logo allerdings nichts mehr zu
tun – heute gehört die Firma dem chinesischen Foton-Konzern. Unter der Karosserie stecken die China-Crossover Senova X65
beziehungsweise X55, auch der angekündigte Elektroantrieb wird wohl
aus Fernost importiert. Die bereits auf diversen Messen gezeigten
Modelle machen einen vernünftigen Eindruck, die vom
Hersteller angekündigte Positionierung als “erschwingliche
Premiummodelle” ist allerdings reichlich vage. 2018 sollen die ersten
Modelle nach Deutschland kommen, montiert wird dann auch in einem Werk
am alten Markensitz in Bremen. Händler soll es zunächst nicht geben, der
Vertrieb erfolgt über den Leasinganbieter Sixt.

Geelys Kontakt nach Europa heißt Volvo. 2010 kaufte die in China recht erfolgreiche Marke den kriselnden schwedischen Hersteller.
Dadurch kam europäisches Knowhow ins Haus, vor allem bei der
Fahrzeugsicherheit. So sollen auch die erneuten Probleme beim
Crashtest verhindert werden. Daran war die erste Offensive der chinesischen Autobauer Anfang des
Jahrtausends noch gescheitert – was das Image der
Fernost-Autos schwer beschädigt hatte. Vielleicht auch deswegen setzt Geely für
die Eroberung Europas auf eine neue Marke: Lynk & Co. soll mit frischem Design, Volvo-Technik und weitgehender Vernetzung Ende 2017
zunächst in China an den Start gehen. Danach, so der Plan, werden Europa sowie die USA folgen.

Auf dem chinesischen Automarkt gibt es unzählige verschiedene Automarken. Monatlich verschwinden welche, regelmäßig kommen neue dazu. Ende 2016 etwa Wey, eine Tochter des großen Great-Wall-Konzerns, in dessen Portfolio sie künftig die Spitzenposition
markieren soll. Wer in China als Premiummarke gelten will, muss diesen
Anspruch offensiv vertreten – gerne auch mit der Ankündigung, Europa und
die ganze Welt erobern zu wollen. Genau diese Kampfankündigung schickte Wey auf
der diesjährigen IAA auch an die Konkurrenten Mercedes, BMW und Co. Die in Frankfurt gezeigten Autos haben durchaus das Potential, den alteingesessenen Marken gefährlich zu werden. Und auch Wey-Chef Jens
Steingräber, ein ehemaliger Audi-Manager, verteidigt die ehrgeizigen
Pläne. Im Rennen um Image und Prestige seien die deutschen Marken
vielleicht noch führend, sagte er. Aber Wey fahre die schnelleren Rundenzeiten.

Für chinesische Verhältnisse sahen Chery-Autos immer schon
vergleichsweise westlich aus. Manchmal sogar zu
sehr: 2003 etwa klagte General Motors gegen den Verkauf des Chery QQ,
dessen Design angeblich bei den Amerikanern abgekupfert war. Auch wenn Chery im chinesischen Vergleich eher zu den harmlosen Kopisten zählte: Formale
Eigenständigkeit war alles andere als ein Markenkern. Das könnte sich
nun ändern. Das auf der IAA gezeigte SUV Exeed TX erfindet das Autodesign
nicht neu, kombiniert aber clever verschiedene Einflüsse zu einem
stimmigen und eigenem Gesamtpaket. Dass man noch mehr erwarten kann,
zeigt die Coupé-Studie Tiggo, die endgültig mit dem Image des billigen
Nachmachers aufräumen soll. Hinzu kommt die
Ankündigung, Ende 2019 in Europa direkt mit einem Elektroauto starten zu
wollen.

Warum die chinesischen Hersteller nun ihre Chance auf dem Weltmarkt
wittern, wird bei keinem Unternehmen so klar wie bei der 2017
gegründeten Marke Byton. “Bytes On Wheels” soll der Namen bedeuten, Bytes auf Rädern. Die Hoffnung der Chinesen: Digitalisierung, Vernetzung und Elektrifizierung werden den jahrzehntelangen technischen Vorsprung der
etablierten Autohersteller im Handumdrehen einstampfen. Weil man auf das Know-how
des Westens aber nicht ganz verzichten kann, hat die Auto-Tochter der
chinesischen Future-Mobility-Corporation kurzerhand einen Großteil vom
Entwicklerteam aus BMWs E-Autoschmiede abgeworben. Darunter auch den
neuen CEO Carsten Breitfeld. Als erstes Modell ist ein elektrisches SUV
geplant, der Prototyp soll im kommenden Jahr auf der Elektronikmesse CES
in Las Vegas präsentiert werden.

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