Beziehungen: Der Falscheste von allen

Er ist nett, klug, lustig – und alles andere an ihm ist nichts anderes als fantastisch. Nur diese irren Augen hätten eine Warnung sein sollen.

Menschen, die ihre Geburtstage nachmittags im Café feiern, sind nicht
mehr auf der Suche. Nicht nach der besten Bar, der besten Party, dem
besten Partner. Weil zu Hause schon das Bett für zwei wartet. Meine
Freunde, die zu Kaffee und Kuchen eingeladen haben, sind großartig, aber
solche Nachmittage mit ihnen sind unendlich anstrengend für mich. Sie
konfrontieren mich mit ihrer Bullerbü-Idylle, die ich toll und furchtbar
finde. So wie man fettige Pommes eigentlich ablehnt, aber morgens um
halb fünf dann doch ganz geil findet.

Ich gehe also mit ambivalenter Laune ins Café. Meine Freunde verspäten
sich, Wickelkrise mit dem Kleinsten. Neben mir sitzt Simon. Er ist nett,
klug, lustig. Er hat perfekte Augen, dunkel, tief, irre. Simon ist
keiner, mit dem ich eine Affäre haben könnte, ich finde ihn nach einem
Gespräch schon viel zu interessant. Als Simon geht, schlägt er ein
gemeinsames Mittagessen vor. Ganz offen, vor seiner Frau, die neben ihm sitzt. Warum nicht,
denke ich. Freunde, geht doch auch, muss gehen.

Ein Risotto später weiß ich es besser. Ich finde alles an ihm
fantastisch: seinen Humor, sein Selbstbewusstsein, seine Karriere, und
dann haben wir auch noch den gleichen Lieblingsfußballverein. Ich schaue
ihm viel zu lange in die Augen. Verdammt. Ich will mich gern verlieben,
aber nicht in den Falschen. Und er könnte der Falscheste von allen
sein.

Wir beginnen, uns Nachrichten zu schreiben, immer häufiger. Ich rede mir
ein, dass er nicht glücklich ist in seinem anderen Leben. Als er
schließlich fragt, ob aus dem Mittagessen nicht mal ein Wein werden
kann, bin ich überzeugt davon, dass ich die Richtige für ihn sein kann.

Er küsst mich, geht und schweigt. In meinem Kopf setzt es sich schon
zusammen. Ich bin nicht nur verliebt in ihn, ich bin verliebt in die
Vorstellung von ihm und mir, ich fühle mich angekommen in meinem
Bullerbü. Simon ist für mich die Sehnsucht nach einer Idylle, die alles
umfasst, die halten soll fürs Leben. Manchmal wünscht man sich eben
alles auf einmal, die ganze Bäckerei. Und man wird es, das weiß ich
heute, für sehr lange Zeit nicht vergessen, wenn man dann doch bloß
wieder ein Brötchen hingestreckt bekommt.

Wir treffen uns wieder, schlafen nicht miteinander, sondern reden.
Emotional, tiefgründig, manchmal auch nur Unsinn, alles ist großartig.
Dann wieder Schweigen. Meine Freunde sagen mir, ich soll ihn vergessen.
Sie sagen mir, ich stelle ihn auf ein Podest. Ich ignoriere sie alle.

Wenn Simon schreibt, dass er vielleicht Zeit hat, nehme ich mir nichts
vor. Wenn die Woche verstreicht, ohne dass ich etwas von ihm höre, sitze
ich zu Hause und heule. Ich mag mich selbst nicht mehr, rede mir aber
ein, dass er es doch wert ist, dass wir es wert sind, dass wir
irgendwann glücklich am Meer sitzen und über diese Zeit lachen.

Dann wieder werde ich wütend, treffe andere Männer, habe Sex mit ihnen,
nur um mir zu beweisen: Ich bin nicht abhängig von einem Mann, der nie
da ist. Aber nachts lese ich die Nachrichten, die wir uns geschrieben
haben.

Ich höre es zuerst von meiner Freundin: Simon ist getrennt, seine Frau
habe den ersten Schritt gemacht. Ich denke sehr lange nach, bis ich ihm
schreibe. Er antwortet sofort. Auf einmal ist er da.

Die ersten Treffen sind vorsichtig, ich will nicht der schnelle Sex nach
dem Ehe-Aus sein. Als er mich das erste Mal in seine neue Wohnung
einlädt, räume ich innerlich das gemeinsame Bücherregal ein. Als ich in
seinem Wohnzimmer sitze, glaube ich: Bald ist es unseres. Nachts um drei
gehe ich, er hält mich nicht auf. Bald sitzen wir wieder zusammen in
einer Bar, unsere Hocker stehen so dicht zusammen, wie es eben geht und
schließlich frage ich ihn, was er eigentlich von mir will. Er küsst
mich. Wir fahren zu ihm und knutschen so lange, bis mein Rad umkippt.
Wir laufen durch den Schneeregen Arm in Arm zu ihm, alles ist perfekt.
Bei ihm reden wir gar nicht mehr, ziehen uns noch im Flur aus, schlafen
erst miteinander und dann zusammen ein. Der nächste Morgen ist hektisch,
er hat einen Termin, muss früh los, ich bleibe allein zurück, stelle
mir vor, wie viele weitere Morgen ich hier verbringen werde. Es wird der
letzte sein.

Ich denke immer noch, dass alles gut wird. Bücherregal, Bettenkauf,
Bullerbü. Dann werden seine Nachrichten weniger, bald schreibt er fast
gar nicht mehr.

Wochen später will er sich zum Mittagessen treffen. So wie damals, als
er noch eine Frau hatte. Ich lehne ab, ich will ihn nicht sehen. Dann
sehe ich seinen Namen in meinen Mails, lese etwas von einer anderen
Frau, von großer Verliebtheit, Unbeschwertheit und dass es zwischen ihm
und mir doch von Anfang an kompliziert gewesen sei. Ob wir nicht Freunde
bleiben könnten. Für diesen Satz hasse ich ihn. Er war nie ein Freund.
Er war mein Bullerbü. Über gemeinsame Bücherregale habe ich bis heute
noch nicht wieder bei einem Mann nachgedacht.

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