IFA-Trends: Deutsche lieben Phablets, Streaming und Sprachassistenten

In seiner Studie zum deutschen Unterhaltungselektronik-Markt zeigt Digitalverband Bitkom, wie das Smartphone zur Wirtschaft beiträgt und unser Verhalten verändert.

Selten war der Markt für Unterhaltungsindustrie so sehr in Bewegung: Die Superhandys treiben Kamera-Hersteller zur Verzweiflung, begleiten uns mit YouTube und Sprachassistenten durch den Alltag, sollen VR in den Massenmarkt bringen. Zum IFA-Auftakt präsentiert der Digitalverband Bitkom eine umfangreiche Studie der jüngsten IT-Trends.

Genug ist genug: Eigentlich haben ja praktisch alle längst ein Smartphone, deshalb geht die Zahl der verkauften Geräte zurück – in diesem Jahr vermutlich auf 24 Millionen, gut zwei Millionen weniger als 2015. Und doch erwartet Bitkom, der Branchenverband der Digitalwirtschaft, wieder steigende Umsätze: Fast zehn Milliarden Euro werden die Deutschen 2017 für smarte Handys ausgeben, sagen die Marktforscher voraus; etwa 400 Millionen mehr als im vorigen Jahr. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich durch die wachsende Popularität von „Phablets“ – Smartphones mit größerem Display, die teurer sind als herkömmliche Geräte.

Die Liebe der Deutschen zu ihrem digitalen Dauerbegleiter hat den Handy-Markt mittlerweile größer gemacht als das Geschäft mit klassischer Unterhaltungselektronik. Für Dinge wie Fernseher, Digitalkameras, Spielekonsolen, HiFi-Systeme und Blu-ray-Player zusammen geben Technikfreunde knapp 9,5 Milliarden Euro im Jahr aus, wie Bitkom in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie vorrechnet. Also weniger als für Smartphones allein.

Das Geschäft mit traditioneller Unterhaltungselektronik: leichtes Wachstum dank des Fernsehers – aber insgesamt weniger Umsatz als beim Smartphone allein

Immerhin: Auch das traditionelle Geschäft wächst wieder leicht, vor allem dank des Fernsehers. Der Umstieg beim Antennenempfang auf DVB-T2 und das Alter vieler Geräte hätten auch ohne WM oder Olympische Spiele einen Umschatzschub gebracht, erklärt Timm Lutter, Bitkom-Bereichsleiter für Unterhaltungselektronik. „Alle acht bis neun Jahre wird der Fernseher ausgewechselt.“ Obendrein sind viele Menschen dank der guten Wirtschaftslage bereit, mehr Geld für ein TV-Gerät auszugeben als früher. „Im dritten Jahr in Folge ist der Preis gestiegen“, sagt Lutter, auf einen Durchschnittspreis von fast 600 Euro.

Immer auf Sendung: Besonders junge Deutsche legen das Smartphone kaum noch zur Seite

Der wahre Star aber ist, zehn Jahre nach dem iPhone-Debüt, das Smartphone. 81 Prozent der Deutschen besitzen mittlerweile einen modernen Taschen-Rechner mit Touchscreen, und 57 Prozent greifen gleich nach dem Aufwachen – innerhalb der ersten 30 Minuten – nach dem Gerät. Vor allem Jüngere lassen anschließend gar nicht mehr los: 40 Prozent der 18- bis 24-Jährigen geben an, mehr als 50 Mal am Tag auf ihr Smartphone zu schauen. Die Älteren zeigen sich deutlich zurückhaltender; nur zwei bis 4 Prozent der über 50-Jährigen sind selbsterklärte Dauernutzer.

Dass der Computer nicht mehr auf dem Schreibtisch steht, sondern immer zur Hand ist, macht das Smartphone „auch außerhalb der Geräteherstellung zu einem Wirtschaftsfaktor“, sagt Klaus Böhm, Direktor für das Mediengeschäft bei Deloitte. Die Unternehmensberatung hat ausgerechnet, dass mittlerweile 1,4 Prozent der inländischen Wirtschaftsleistung (auch Bruttoinlandsprodukt, BIP, genannt) direkt oder indirekt auf die eifrige Handynutzung zurückgehen. Das entspricht etwa 45 Milliarden Euro. Am meisten profitieren Telekomanbieter und Online-Händler, weil Nutzer Datenvolumen verschlingen und immer öfter auch per Handy nach Schnäppchen suchen. Bis 2022 soll der Smartphone-Anteil am BIP auf 60 Milliarden Euro steigen, sagt Deloitte voraus.

Mit dem Handy verbunden: Die Verkaufszahlen von Smartwatches und Fitness-Trackern steigen

Die Unternehmensberatung sieht das Smartphone auch als Treiber für eine Reihe anderer Trends, darunter Virtual Reality, Sprachsteuerung und die Popularität vernetzter Haushaltsgeräte. „Das Smartphone kann alles“, sagt Böhm, es sei wie ein Schweizer Taschenmesser für die Digitalwelt: im einen Moment Gaming-Konsole oder Fotoapparat, im nächsten Fernbedienung für die Stereoanlage oder Projektor für den gemeinsamen Videoabend.

Seit das Handy zur Kamera wird, tun sich Canon, Nikon & Co. schwer

Die Auswirkungen zeigen sich überall. Kamera-Hersteller haben damit zu kämpfen, dass ihr Geschäft in den vergangenen fünf Jahren um fast 75 Prozent zurückgegangen ist – viele hätten zu spät erkannt, wie wichtig es für Kunden geworden ist, Schnappschüsse sofort ins Netz zu stellen, erklärt Timm Lutter. „Fotos werden gern geteilt, und die Bildqualität der Handys nimmt zu. Das hat dazu geführt, dass das Smartphone zur Hauptkamera geworden ist.“

Zeitgleich gewöhnen sich die Menschen daran, ihr Handy auch über Sprache zu steuern und sind deshalb auch eher bereit, vernetzte Lautsprecher wie Amazon Echo oder Google Home ins Haus zu lassen, die digitale Sprachassistenten mitbringen. 69 Prozent der Deutschen haben inzwischen von Alexa, Siri oder Cortana gehört, und 40 Prozent können sich vorstellen, solche Systeme zu nutzen – vorwiegend, um Informationen abzurufen oder Geräte im Haushalt zu steuern.

Hey, Alexa! Viele mögen dich schon – aber andere haben noch Angst vor dir

Allerdings haben 52 Prozent der Befragten Angst davon, dass andere mithören oder Hacker in die Systeme eindringen könnten. „Datenschutz und Sicherheit stehen bei Technologie, die im Haushalt genutzt wird, im Vordergrund“, sagt Lutter und rät den Herstellern zu mehr Transparenz, um Bedenken auszuräumen: „Man muss klarmachen, dass das Gerät nicht immerzu mit dem Internet verbunden ist.“

Musik, Musik – vorwiegend aus dem Netz

Während Streaming von Musik und Videos in Deutschland mittlerweile selbstverständlich geworden ist, steckt Virtual Reality immer noch in der Nische: Die Technologie ist zwar bekannt, aber wenig verbreitet – eine VR-Brille besitzen erst sechs Prozent der Deutschen, auch wenn 20 Prozent die Technologie bereits ausprobiert haben. „Es ist momentan eine schwierige Zeit für Virtual Reality“, sagt Klaus Böhm. „Die Geräte sind noch zu groß, zu schwer und zu teuer.“ Bitkom sieht deshalb große Chancen für eine neue Generation von Spielhallen: VR-Arcaden, in denen Besucher durch virtuelle Welten wandern können, ohne viel Geld in Hardware investieren zu müssen. Langfristig hofft Deloitte-Berater Böhm auf künftige Smartphone-Generationen, die VR-Erlebnisse direkt auf smarte Kontaktlinsen projizieren. 

Spielhallen für Virtual Reality: gerade bei Gamern ein beliebtes Konzept

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