“Tatort” Frankfurt: Ein Heim für Kriegskinder

Das Spukschloss in Frankfurt: Der “Tatort” wagt den Ausflug ins Horror-Genre.

Nach der Erholung durch Ödnis, die der Bremer
Karriere-Tatort letzte Woche verströmte, geht’s in der neuen
Frankfurter Folge (HR-Redaktion: Jörg Himstedt, Liane Jessen) gleich wieder in
die Achterbahn der Experimentierfreude, auch wenn das vielleicht ein arg
knalliges Bild ist für die Möglichkeiten des ARD-Sonntagabendkrimis. Nach
diesem Fall scheint es jedenfalls durchaus denkbar, dass sich manche Zuschauerin wieder
nach der Bräsigkeit zurücksehnt, über die am Beispiel Bremens gerade geschimpft
wurde.

Fürchte Dich variiert die legendäre deutsche
Fernsehreihe nämlich hinein ins Genre des Horrorfilms, wobei man das Deutsche
und Fernsehreihenhafte schon daran spürt, dass der Titel nichts verschweigt.
Redaktion so: Damit der Jugendschutz nicht auf dumme Gedanken kommt und die
ganze Kiste noch weiter beanstandet, schreiben wir die Triggerwarnung gleich in
den Folgennamen rein. Soll keiner sagen, wir hätten’s nicht laut und deutlich
gesagt.

Der Fall spielt im Haus von Kommissar “Brixi” Brix
(Wolfram Koch), das sich in seiner verblichenen Pracht anbietet, um von Untoten
und anhängendem Spuk heimgesucht zu werden. Genauso wie Mitbewohnerin Fanny
(Zazie de Paris) in ihrer strahlenden Queerness angesichts solcher
Transgressionserfahrungen viel stärker zu ihrem Recht kommt als beim kurzen
Teekochen für irgendwelche im Haus geparkten Hinterbliebenen. Fanny hat dieses
Mal so viel Screentime wie in keiner Folge zuvor, während das Revier (Bruno
Cathomas als der neue Chef, Isaak Dentler als Assistent Jonas) eher
pflichtschuldig Mini-Auftritte zugestanden bekommt.

Horror ist ja nur vordergründig beziehungsweise in seinen
epigonalen Varianten ein Genre, das den Zuschauer mit Grusel und Krassheit
attackiert. Im Kern geht es immer darum, übertriebene Bilder für eine
unerledigte Vergangenheit zu finden. In Fürchte Dich wird die eingeschleppt
von einem alten Mann, Otto Schlien (der große Axel Werner), der in der
Anfangsszene auf das Brixi-Haus zusteuert. Der Kamera (Benjamin Dernbecher)
wird beim Empfang der Figur am Gartentor mulmig, wohl auch, um noch mal
anzudeuten, dass der sogenannte Realismus heute leider draußen bleiben muss.

Schlien will das Haus in Brand setzen, wird aber von
skelettösen Händen in den Vorgarten zurückgerungen. Dazu läuft das ganze
Programm aus dem Starter-Kit für Horrorfilme: eskalierende Musik, im Wind schlagende
Flügeltüren, Laub und Lichtflackern. Der alte Mann überlebt, bildet aber den
entscheidenden Link in die Vergangenheit, aus deren Erhellung dieser
Frankfurter Tatort seinen Arbeitsauftrag ableitet: Es wird
tatsächlich ein Fall von 1956 ermittelt, wie Brixi dem Chef in einer hübsch
trockenen Szene mitteilt.

Die ermittlungsstiftende Leiche, die eine der wenigen
Konstanten des Tatort ist, wäre hier also tatsächlich das
Mädchenskelett vom Dachboden. Das lag da seit der Zeit, als das Brixi-Anwesen ein
Waisenhaus war – geleitet von der Schlien-Mutter, die nach einem Kinderstreich
ertrank (“Die Kinder hatten ihr gesagt,
Otto sei ins Wasser gegangen.”); Otto habe sich daraufhin rächen wollen, den
anderen Kindern ihre wertvollsten Dinge gestohlen und das Mädchen umgebracht.

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