Tauben: Slum-Bewohner der Großstädte

Jeden Tag so ein Igitt-Moment: Viele Menschen ekeln sich vor Tauben. Die Vögel leiden unter ihren Riesenpopulationen allerdings am meisten.

Egal, ob
Berlin, New York oder Tel Aviv – sie ist überall: die Taube. Und ich gebe es
zu, ich kann sie nicht leiden. Sie kotet U-Bahn-Eingänge und Straßenecken zu,
ist dreckig und kommt beim Frühstück im Straßencafé einfach immer zu dicht an
den Teller gehüpft. Im Grunde ist sie ein hübsches Tier, runder Körper,
schlanker Hals, Knopfaugen. Auch symbolisch hat die Taube was zu bieten: Sie
verkörpert den Heiligen Geist, ist Sinnbild für Liebe, Treue und Frieden. Doch
nützt ihr das alles im Alltag herzlich wenig.

Auf meiner
täglichen Joggingstrecke geht es über eine Brücke und jedes Mal, wenn ich dort
vorbeikomme, sitzen da unglaublich viele Tauben. Dann heißt es Augen zu und
durch – und bloß nicht einatmen, man will sich ja nichts einfangen. Letztens
fand ich es so eklig, dass ich spontan die Richtung wechselte und einen anderen
Weg nahm. In diesem Moment fragte ich mich: Woher kommt eigentlich meine
Aversion gegen das Tier? 

Tatsächlich
hat mir meine Mutter von klein auf eingebläut, dass ich mich vor der Taube in
Acht nehmen sollte. Sie selbst hat eine regelrechte Phobie. Fallen die
ersten dicken Regentropfen, fasst sie sich ängstlich ins Haar, um
sicherzugehen, dass es kein schleimiger Taubenkot ist. Über die Jahre habe ich
ihre Abneigung internalisiert.

Und wir zwei
sind nicht die einzigen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Mafo.de aus dem Jahr 2016 findet jeder
Fünfte in Deutschland Tauben abstoßend. Frauen häufiger als Männer und die Jüngeren
sowieso. Als ich kürzlich ein paar Freunde fragte, was sie von der Taube
halten, rümpften fast alle angewidert die Nase. Eine Freundin trällerte Georg
Kreislers Tauben vergiften im Park.

Das Problem,
das wir mit Tauben haben: Es sind zu viele. In Berlin, der Stadt, in der ich
lebe, sind es nach letzten Berechnungen um die 10.000 – ähnlich, wie in München, Hamburg oder Stuttgart. Weltweit
sind es laut Experten an die 500 Millionen. Abermillionen Vögel also, die nicht
mit hübschem bunten Federkleid auffallen, sondern das Graue in der Stadt widerspiegeln – und was grau ist, assoziieren wir automatisch mit Schmutz und
Krankheit.

Tatsächlich
ist die Taube weit mehr als ein lästiges Straßentier, das uns beim Joggen im
Weg ist und Straßen vollkotet. Vielmehr zeigt sich an ihr, was passiert,
wenn der Mensch sich in das Leben und die Fortpflanzung von Tieren einmischt.
Denn dass sich Tauben in Städten derart vermehren, liegt nicht nur daran, dass
sie von Natur aus anpassungsfähig und intelligent sind. Es ist vor allem die
Schuld von uns Menschen: Wir selbst haben den Vogel über Jahrhunderte hinweg
domestiziert. Die alten Ägypter haben damit
angefangen, als sie Taubenkot zum Düngen nutzten. Die Römer hielten den Vogel
dann vor allem, um ihn als Delikatesse zu verzehren – genau wie später die
Österreicher. In Wien sollen Ende des 19. Jahrhunderts noch an die 750.000
Tauben pro Jahr im Bräter gelandet sein.

Unsere
Straßentauben sind damit im Grunde nichts anderes als verwilderte Nutz- und
Haustiere, die über Jahrhunderte darauf getrimmt wurden, Fleisch, Eier und Kot
zu produzieren – und zwar ganzjährig. Heute sind Tauben bereits
mit drei Monaten geschlechtsreif und haben bis zu sieben Bruten pro Jahr. Früher hätten wir uns über die Gebärfreudigkeit und große Anzahl
der Tauben gefreut, jetzt empfinden wir sie als Problem. Die Zeiten ändern sich.

Unter der
großen Taubenpopulation leiden die Tiere selbst am meisten: Eigentlich sind sie Körnerfresser, in den
heutigen Städten ist Getreide jedoch rar und die Vögel sind zu Allesfressern
konvertiert. Dass ihnen die vielen pappigen Brötchen, Dönerreste und Kuchenkrümel,
die sie auf der Straße und im Mülleimer finden, nicht bekommen, zeigt ihr Kot,
diese meist weißlich und grüne Flüssigkeit, die auch meine Mutter mal in den
Haaren hatte. Wären die Tauben artgerecht ernährt, hätten sie dunklen und
festen Stuhl. Aber durch Mangelernährung sind sie anfällig für Krankheiten und
Parasiten, die weniger für den Menschen als für den Taubennachwuchs
problematisch sind: Zwischen 80 und 90 Prozent der Jungtiere sterben im Nest.

Frauen schreiben. In dieser Kolumne abends, um 10 nach 8, montags, mittwochs, freitags, politisch, poetisch, polemisch.

Wir, die Redaktion von 10 nach 8, sind ein vielseitiges und wandelbares Autorinnenkollektiv. Wir finden, dass unsere Gesellschaft mehr weibliche Stimmen in der Öffentlichkeit braucht. Wir denken, dass diese Stimmen divers sein sollten. Wir vertreten keine Ideologie und sind nicht einer Meinung. Aber wir halten Feminismus für wichtig, weil Gerechtigkeit in der Gesellschaft uns alle angeht. Wir möchten uns mit unseren LeserInnen austauschen. Und mit unseren Gastautorinnen.

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Die Redaktion von 10 nach 8 besteht aus:

Marion Detjen, Zeithistorikerin
Hella Dietz, Soziologin
Heike-Melba Fendel, Autorin und Inhaberin der Künstler- und Veranstaltungsagentur Barbarella Entertainment
Annett Gröschner, freie Autorin
Mascha Jacobs, Journalistin, Herausgeberin der Zeitschrift Pop. Kultur und Kritik
Stefanie Lohaus, Journalistin, Herausgeberin des Missy Magazine
Lina Muzur, Programmleiterin des Aufbau-Verlags
Catherine Newmark, Kulturjournalistin
Annika Reich, Schriftstellerin
Elisabeth Wellershaus, Journalistin

Dass wir von
dem “Massensterben” nichts mitbekommen, liegt daran, dass Tauben ihre Nester
meist in Dachstiegen, Gebäudenischen, Gesimsen, Türmen, Brücken oder
Bahnhofshallen bauen. Stirbt ein Vogeljunges, verwest es im Nest, ohne dass wir
es bemerken. Die Tiere leben in Slums.

Das Tier zieht
im Vergleich zu uns also definitiv den Kürzeren, und große Gefahr geht von ihm
auch nicht aus: Eine Übertragung von Krankheitserregern durch
freilebende Tauben auf den Menschen ist zwar möglich, aber unwahrscheinlich, wir schmieren uns ihren Kot schließlich nicht aufs Brot. Der Kontakt zu
Haustieren birgt deutlich größere Gefahren. Auch die massenhafte Vermehrung des
Vogels wäre in den Griff zu kriegen. Experten raten zum Beispiel zu betreuten
Taubenschlägen, in denen die Eier der Tiere durch Gipsattrappen ersetzt werden.
Auf diese Weise bekäme die Taube einen festen Schlafplatz, Futter, das ihr
auch bekommt, und sie müsste nicht zusehen, wie ihre Jungen vor ihr sterben.

Vermutlich
will nun nicht gleich jeder Taubenschützer werden. Wir müssen sie ja auch nicht
lieben oder als neues Haustier adoptieren. Aber vielleicht denken wir beim
nächsten Igitt-Moment daran, dass es dem Tier oft nicht gut geht, dass der
Döner nicht sein Leibgericht ist und dass auch wir eine Mitschuld daran tragen,
dass die Taube sich derart in unseren Städten ausbreiten konnte. Mal sehen, ob
mir das bei meiner nächsten Joggingrunde gelingt.

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