Vereinsgründung: Folge 3: Wir bekehren den Grauen Wolf

Nach der Trump-Wahl rief Mareike Nieberding die Bewegung Demo ins Leben. Ihr Ziel: Bis zur Bundestagswahl will sie junge Menschen für Politik begeistern.

Als die Gründungsversammlung um 17 Uhr beginnen soll, bricht unter mir der
Lattenrost zusammen. Ich sitze auf dem Bett meiner Kindheit, das der erwachsenen Gegenwart
nicht länger standhalten will. Mein Handy fällt mir aus der Hand. Zum Glück ist die
Chat-Verbindung noch nicht hergestellt.

Sekunden später erscheint Moni auf dem Bildschirm, dann Izzy, Aicha, Khaled. Es ist Sonntag,
der 16. März 2017. Heute gründen wir den Verein “Demo – Bewegung für Demokratie”. Die Satzung
hat eine Freundin geschrieben, die gerade fürs zweite juristische Staatsexamen lernt. Sie hat
herausgefunden, dass wir die Gründungsversammlung virtuell abhalten können. Das passt
irgendwie zu uns – zwar wollten wir mit Demo raus aus dem Netz und den Menschen in die Augen
schauen, aber uns selbst sehen wir meist nur durch verschmierte Computerlinsen.

Wir schreiben, telefonieren, skypen und organisieren uns über Projektmanagement-Tools wie
Basecamp und Slack. Das macht uns unabhängig und flexibel, einerseits. Andererseits werden die
Dinge auch schnell unübersichtlich: Wo liegt noch mal der Finanzplan? Auf dem Google-Drive?
Gab es nicht schon mal irgendwo eine Pressemappe?

Moni und Khaled haben eine Website gebaut, und auf Facebook gibt es eine “Demo
diskutiert”-Gruppe mit mehr als 500 Mitgliedern. Sie diskutieren über einen “Aufstand der
Anständigen”, teilen Zitate aus
Moby Dick
oder einer Doku über Hannah Arendt, als
Inspiration.

Eines Tages will auch Grey Wolf in die Gruppe aufgenommen werden. Er ist durch meinen
Auftritt bei Maybrit Illner auf Demo aufmerksam geworden. Sein Profilfoto zeigt das Gesicht
eines Wolfs in Nahaufnahme. “Linksdiktatur durch fanatischen Idealismus?”, fragt er auf seiner
Pinnwand. Aber man liest seinen vielen Kommentaren an, dass er an einem Austausch interessiert
ist. Ich lasse ihn rein.

Wenige Tage später bezeichnet er mich in einem Post als “Schneeflocke”. In den USA verwenden
Rechtskonservative das Wort, um junge Menschen, vor allem junge Frauen, als in ihrer
politischen Korrektheit festgefroren zu beschreiben. Ich bitte ihn, auf solche Kampfbegriffe
zu verzichten. Linda, Demo-Mitstreiterin aus Stuttgart, pflichtet mir bei. Grey Wolf tritt
daraufhin aus unserer Gruppe aus. Doch Linda hat ihm imponiert. Wie sie sich für ein faires
Miteinander einsetzt. Sie ist 23, studiert Elektrotechnik, ist blond, blauäugig, schwäbelt
leicht und kommt genauso wenig aus einem Akademikerhaushalt wie der Wolf. Als sie dessen
Schneeflocken-Post sah, hat auch sie erst mal mit den Augen gerollt, erzählt sie mir später:
“Aber dann ging mir dieser Satz aus unserem Manizept nicht mehr aus dem Kopf: ‘Demo ist für
alle da.’ Und mit diesem ‘alle’ sind wohl auch AfD-wählende Wölfe gemeint.”

Als der Graue Wolf ihr eine private Nachricht schreibt, um sich zu erklären, antwortet sie
ihm. Schließlich ist sie auch bei Demo, weil sie begreifen will, wie die AfD in
Baden-Württemberg 15 Prozent holen konnte. Eine gute Woche chatten die beiden fast jeden Tag.
Sie, die 23-jährige Studentin aus dem schwarz-grünen Stuttgart, er, der Wolf, ein 47-jähriger
Stahlbauschlosser, früher Genosse, heute AfD-Wähler.

Am Ende schreibt der Wolf zu Lindas Überraschung, dass auch für ihn die Alternative keine
Alternative mehr ist. Auf seinem Blog berichtet er, die “fruchtbare Diskussion” habe ihm die
Erkenntnis gebracht, “dass ich, ein 47-jähriger Schlosser, und diese junge Akademiker-Person
in vielen Dingen auf einer Linie sind”. Es sei, stellt er fest, ein Teufelskreis von Angriff
und Gegenschlag “von rechts nach links und umgekehrt” entstanden, den es zu durchbrechen
gelte. Das wichtigste Werkzeug dabei sei Verständigung: “Das kann man über Kommentare tun
oder, wie die Jugend-FB-Gruppe vorhat, in direktem Kontakt.” Mit der “Jugend-FB-Gruppe” sind
wir gemeint, Demo.

Wir haben in den vergangenen Wochen Regionalgruppen gegründet und Vertreter wie Linda
bestimmt. Menschen, die Stammtische veranstalten und Treffen anberaumen. Seitdem bewegt sich
die Bewegung in verschiedenen Geschwindigkeiten: Jena, Dresden, Regensburg und München
sprinten. Hamburg, Stuttgart, Berlin joggen gemütlich. Hannover und Aachen spazieren. Der Rest
des Landes hat schon vor dem Startblock aufgegeben.

Zusammengehalten wird dieses lose Konstrukt von den Menschen auf meinem Bildschirm: Izzy, 18
Jahre, lange blonde Haare, Nerd-Brille, Refugees-Welcome-Pullover, die in ihrer Studenten-WG
in Groningen sitzt, Moni, die mit einer Freundin am Bodensee unterwegs ist, Aicha, 31,
Journalistin, in Hamburg auf dem Sofa. Jugendbewegung 2.0.

Die Satzung wird verlesen. Keiner hat etwas zu beanstanden. Ich werde zur Vorsitzenden, Moni
zur Stellvertreterin, und wir bestimmen eine Schatzmeisterin. Alle wollen schnell zu ihrem
Sonntag zurück. Zur besten Freundin ins Café, zur neuen Staffel
Girls
und ich zu
meinen Eltern, an den Abendbrottisch.

Meine Mutter fragt, wie die Vereinsgründung lief: “Und wann geht’s jetzt endlich los mit
euren Aktionen?” Ich will sie anmeckern: Siehst du nicht, dass es schon lange losgegangen ist?
Aber sie hat natürlich recht. Wann sind wir endlich so weit, den Blick von innen nach außen zu
wenden?

Das Problem ist: Solange wir kein eingetragener Verein sind, kriegen wir keine
Stiftungsgelder. Kein Vereinskonto. Keine Spendenquittungen. Acht Notare telefoniere ich ab,
bevor mir der neunte einen Termin gibt – in vier Wochen.

Wir geraten langsam unter Zeitdruck. Wollen uns aber trotzdem Zeit für Diskussionen nehmen.
Darunter leidet vor allem die Regionalgruppe in Stuttgart, in der ein Mitstreiter bei jedem
Stammtisch aufs Neue versucht, die anderen davon zu überzeugen, eine Primark-Filiale zu
stürmen. Aus antikapitalistischen Gründen.

In sechs Monaten ist Bundestagswahl, und die Anträge auf Stiftungsgelder, um die unsere
Schatzmeisterin sich kümmert, haben 54 Seiten. Darin stehen Fragen nach der Messbarkeit
unseres Erfolgs. Silke entwirft einen Demo-Workshop für Berufsschulen, obwohl uns noch keine
Schule verbindlich zugesagt hat. Aicha sucht eine Druckerei, die uns Pullover und T-Shirts
bedruckt, um unsere Vereinskasse aufzufüllen. Aber für einen Shop brauchen wir endlich ein
Vereinskonto. Die deutsche Bürokratie hat kein Herz für drängelnde Demokraten.

Drei Monate später, am 16. Juni 2017, wird das Amtsgericht Berlin Charlottenburg den Verein
ins Register eintragen. Endlich können wir uns bewegen.


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